Begegnungen im ÖPNV – Blumen im Untergrund
Was ist?
Gründonnerstag. Morgen beginnt das lange Osterwochenende. Der nachmittägliche Berufverkehr, alle wollen nach Hause. Ich auch.
Der Bahnsteig ist schon voll, als ich ankomme. Und der nächste Zug kommt laut Anzeige erst in fünf Minuten – da ist wohl einer ausgefallen?
Die Bahn, die fünf Minuten später einrollt, ist ebenfalls rappelvoll, auf dem Bahnsteig haben sich noch mehr Menschen angesammelt. Eigentlich mag ich dieses Gedränge nicht.
Zumindest ist noch nicht Sommer, so dass die Gefahr, dass man mit der Nase an der verschwitzten Achselhöhle eines Mitfahrers hängen muss, der die Haltestange über sich greift, zum Glück eher gering ist. Es ist noch nicht mal richtig Frühling, draußen ist es noch kühl und die dicken Jacken verhindern ein allzu intensives Haut-an-Haut-Gefühl. Trotzdem ist es mir zu eng. Aber egal, es sind nur vier Stationen – und ich will nach Hause!
Warum hier?
Man kommt seinen Mitreisenden so nahe, wie sonst nur seinem Lebenspartner, engen Verwandten oder sehr guten Freunden. Manche stehen womöglich darauf. Ich nicht, weswegen ich mich etwa bei Konzerten auch nie zu weit nach vorn stelle, damit die Verteidigung meiner Komfortzone (mit einigen handfesten Knuffen) im Bedarfsfall immer noch möglich ist. In der U-Bahn käme das vermutlich eher schlecht an, also heißt es still- und festhalten. Augen zu und durch.
An der nächsten Station steigt niemand aus – dafür will ein weiterer Fahrgast einsteigen. Och nö, ist doch jetzt schon kein Platz mehr. Ein unterschwelliges Murren geht durch die Eingepferchten. Man rückt widerwillig noch enger an die Nachbarn heran.
Aber dann passiert das Unerwartete. Die Blicke wenden sich der Zugestiegenen zu, werden entspannter, fast freundlich. Denn gerade ist im U-Bahnwaggon die Sonne aufgegangen: Ein riesiger, fröhlicher Strauß aus bunten Tulpen und Ranunkeln, den die Dame im Arm hält. Farben, die einen an Sonne und Wärme denken lassen, an aufspringende Knospen und blühende Wiesen. Die einen (sofern man ein wenig über das Christentum Bescheid weiß) daran erinnern, dass Ostern das Fest der Wiederauferstehung und der Freude ist, ebenso wie auch andere Kulturen und Religionen die Zeit um Ostern als Neubeginn und Wiedererwachen der Natur und des Lebens feiern – was man im trüben, nachwinterlich-grauen Alltag gern vergisst.
Und nun?
Nun kann der Frühling aber endlich mal kommen!
