compunisten on Tour – Die schönsten Dörfer der Welt

 Was ist?

Mer muss och jönne könne: Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt (und sind – nach meinen Erfahrungen hier in Frankreich – auch die deutlich besseren Fahrer). Dagegen muss man neidlos anerkennen, dass es in Frankreich die schönsten Dörfer der Welt gibt.

Warum hier?

Es sind sicher keine Geheimtipps (zumindest stehen sie wohl auch in den gängigen Reiseführern für die Region Burgund). Es gibt sogar eine eigene Organisation, die sich der Auswahl und dem Marketing der schönsten Dörfer des Landes widmet. Und es ist nicht nur eine Handvoll – inzwischen dürfen frankreichweit schon mehr als hundert Dörfer den Titel „schönes Dorf“ führen.

Auch im Burgund finden sich einige wirkliche Schmuckstücke. Wie etwa Vézelay, das die Basilika Ste.-Marie-Madeleine beheimatet, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Hierhin pilgern Touristen und französische Schulklassen, was in der Hochsaison sicher zu einer drangvollen Enge auf der Dorfhauptstraße führt (zum Glück ist gerade Nebensaison). An ihr reihen sich Läden des nicht-alltäglichen Touristenbedarfs, was Vézelay (für französische Verhältnisse) fast schon über-kommerzialisiert erscheinen lässt.

Anders ist es in Flavigny-sur-Ozerain. Hier scheint ausreichend Platz für Menschenmassen zu sein, aber keiner kommt. Zumindest nicht in der Nebensaison, wo sich die Zahl der Mit-Besucher buchstäblich an einer Hand abzählen lässt (man begegnet ihnen auch in schöner Regelmäßigkeit wieder in den ansonsten menschenleeren Gassen). Dabei gäbe es auch hier Anlass zur Verdisneysierung, denn in Flavigny wurde der Film „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp gedreht. Davon zeugt allerdings nur noch ein Holzschild neben einem leerstehenden Ladengeschäft. In Amerika könnte man bei einer solchen Gelegenheit mindestens die Original-Film-Ladeneinrichtung, eine Juliette-Binoche-Wachspuppe sowie den Film in einer Video-Endlosschleife erwarten. Aber wir sind eben in Frankreich.

Die dritte Station ist dann der Traum jedes Fotografen – bei gleichzeitigem Traum-Fotografierwetter: Semur-en-Auxois. Eine mittelalterlich anmutende Bildbuchstadt – und gleichzeitig das lebendigste und am wenigsten museale der drei Städtchen. Semur putzt sich für ein anstehendes Mittelalterfest heraus, während sich gleichzeitig Lieferwagen durch die engen Gassen schlängeln. Die uralten Häuser sehen tatsächlich bewohnt aus, Menschen gehen ihrem normalen Alltag nach, die Touristen mit den umgehängten Kameras fallen da nicht weiter ins Gewicht.

Und nun?

Insgesamt fällt im Burgund auf, dass das Alte und Historische hier nicht krampfhaft konserviert wird – man integriert es in den Alltag, man lebt und arbeitet damit und darin. Während man in deutschen Altstädten die tatsächlich alte Bausubstanz suchen muss (bedingt durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg), muss man sich in burgundischen Innenstädten Mühe geben, überhaupt ein modernes Gebäude zu finden (und wird zumeist nicht fündig). Auch wenn vieles außerhalb der Touristenzentren oftmals baufällig und altertümlich aussieht, hat diese Fülle an lebendiger Historie einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Mai 27, 2012 |  by  |  Consum
 

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