compunisten on Tour – Zwölf Uhr mittags
Was ist?
Impressionen einer Frankreich-Reise. Erste Station: Das südliche Burgund, Dienstag. Eine beliebige Kleinstadt.
Warum hier?
Weil die Uhren hier doch ein wenig anders gehen als zuhause. Zwölf Uhr mittags. Und keiner erscheint zum Duell.
Tatsächlich erscheint niemand zu Irgendetwas. Alle sind verschwunden. Wohin, erschließt sich dem Besucher nicht. Die Geschäfte sind geschlossen, selbst viele Schaufenster sind durch Rollos vor den Blicken Interessierter geschützt. Auch in den Häusern, hinter den Fenstern, sind keine Bewegungen zu sehen, kein Kinderlachen zu hören, kein Geschirrgeklapper. Hin und wieder braust ein älterer Renault oder Citroen die Straße entlang, biegt um die Ecke und hinterlässt: Stille.
Übrig geblieben sind nur ein paar verlorene Touristen, die durch die menschenleeren Straßen schlurfen, die den Zeitpunkt verpasst haben, um sich in ihr Hotel zurückzuziehen. Oder in die einzige um diese Zeit geöffnete Brasserie am Ort, in der die weniger verlorenen Touristen an ihrem Kaffee nippen und die einheimischen Stammgäste an ihrem Pastis. Und darauf warten, dass das Leben wieder erwacht, so gegen zwei oder halb drei.
So etwas soll es ja in einigen deutschen Kleinstädten auch geben, dass über Mittag die Bürgersteige hochgeklappt werden. Das rührt sicher aus einer Zeit, als die Verkäuferinnen in den Geschäften zuhause ihren Männern noch das Essen kochen mussten. Und die Fleischer/Bäcker/Obsthändler zuhause von ihren Frauen bekocht wurden.
In französischen Großstädten ist es ein wenig anders, auch wenn es selbst hier etliche Läden gibt, die mittags schließen. Aber es scheint niemanden zu stören – man hat sich offenbar damit arrangiert. Während in deutschen Großstädten mit schöner Regelmäßigkeit die „Servicewüste“ ausgerufen wird, weil Läden (die über Mittag übrigens geöffnet sind) schon um 18:30 Uhr schließen. Und es den Berliner Händlern tatsächlich untersagt wurde, an allen vier Adventssonntagen zu öffnen. Der große Geschenke-Notstand ist trotzdem ausgeblieben.
Und nun?
Nun wundere ich mich darüber, dass die Uhren hier doch ein wenig anders gehen als zuhause. Und bin ganz froh darüber. Ob man in Frankreich eine Übersetzung für den Begriff „Servicewüste“ hat?


