Der Herr Grass und die Frau Klarsfeld
Was ist?
Ein Reflex besiegt – wieder einmal – den Verstand.
Warum hier?
Das hat man auch nicht alle Tage: Dass in deutschen Medien kaum etwas mehr Furore macht und mehr Empörung verursacht als ein Gedicht.
Das Epos ist formal etwas verunglückt und greift inhaltlich in vielen Passagen daneben, ist aber immerhin von einem Literatur-Nobelpreisträger verfasst. Es wäre also spannend gewesen, zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit den lyrischen Thesen des Verfassers Günter Grass zu finden. Dazu ist es aber bisher nicht gekommen, denn der allzeit bereitstehende Vorwurf des Antisemitismus ließ nicht lange auf sich warten. So wusste jeder, der sich eventuell etwas differenzierter mit dem Text auseinandersetzen wollte, auf was er sich einlässt.
Von diesem Niveau, das bei diesem Thema so zuverlässig wie regelmäßig erreicht wird, abgeschreckt und ermüdet, hatte ich mit der Diskussion innerlich bereits abgeschlossen, als ich doch noch aus dem disputverdrängenden Halbschlaf aufgeschreckt wurde. Beate Klarsfeld, engagierte Aufklärerin und Verfolgerin von NS-Verbrechen, vor kurzem noch als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominiert, meldete sich zu Wort. Sie zitierte aus einer – später oft als deutlichste Drohung und Ankündigung des Massenmordes interpretierten – Rede, die Hitler 1939 gegen “das internationale Finanzjudentum” gehalten hat. Klarsfeld erklärt in diesem Zusammenhang: Wenn man den Ausdruck “das internationale Finanzjudentum” durch “Israel” ersetze, “dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (gemeint ist Grass, Anm. des Autors) die gleiche antisemitische Musik hören”.
Versetzen wir uns in einen jungen Deutschen, also einen jener Menschen, die nach jüngsten Berichten viel zu oft bedauerlich Wenig und Falsches über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wissen. Die lernen nun also, dass man sich diesen Herrn Hitler und den Terror, den er verbreitet hat, als ungefähr so gefährlich wie den alten Mann mit dem skurrilen Schnurrbart vorstellen muss, der seine Eitelkeit und einseitige Weltsicht in einem schlechten Gedicht präsentiert. Genau das ist bei jedem dieser Vergleiche das Unsägliche und das Gefährliche: Es stellt jedes Mal eine schamlose und dramatische Verharmlosung des tatsächlich Geschehenen dar, wenn man Dinge, die einen heute – durchaus nachvollziehbar – ärgern oder gar verletzen mögen, in einen vergleichenden Kontext mit den Taten des NS-Regimes bringt. Es geht dabei nicht um die häufig gegebene Geschmacklosigkeit oder sachliche Ungeeignetheit solcher Vergleiche, sondern um das verheerend falsche Bild, das man damit denen vermittelt, die diese Zeit nicht selbst erlebt oder sich wenigstens intensiv damit beschäftigt haben.
Und nun?
Dass ausgerechnet Frau Klarsfeld sich dieses Mittels bedient, ist für mich unbegreiflich. Und es ist jedenfalls der Beweis dafür, dass es bei diesem Thema nach wie vor keine angemessene Kultur der Auseinandersetzung gibt. Sonst würde nicht, allein aus Gründen der damit garantierten Aufmerksamkeit, dermaßen oft zu diesen missbräuchlichen Vergleichen gegriffen werden. Ich fürchte, genau das könnte eine Mitursache für das Desinteresse und die Unkenntnis so vieler junger Deutscher bei diesem Thema sein. Es ist höchste Zeit, dass der Verstand den Reflex besiegt.
Übrigens: Dass es durchaus Möglichkeiten gibt, sich mit dem Text kritisch und trotzdem gelassen auseinander zu setzen, zeigt das Interview mit dem israelischen Historiker Tom Segev bei Spiegel-Online.
