Die Qual vor der Wahl

Na? Habe ich Ihre Aufmerksamkeit?Was ist?

Nun also der gestreckte Mittelfinger, die hoffentlich letzte Runde im Duell „Die Medien gegen Steinbrück“.

Warum hier?

Wäre ich an der Stelle von Peer Steinbrück, hätte ich die Brocken längst hingeworfen. Vermutlich hätte ich gar nicht erst angefangen, hätte ich mich in einer ähnlich komfortablen Situation (mutmaßlich gesund, sehr gutes Auskommen und stabile Familienverhältnisse) befunden wie der Kandidat vor seiner Kandidatur. Aber wer konnte sich schon vorstellen, welch unfairen, heuchlerischen und teilweise sogar perfiden Angriffen und Verzerrungen sich Steinbrück während des Wahlkampfes ausgesetzt sehen würde?

Man hätte es vielleicht ahnen können, nachdem man als Leser und Zuschauer die Medienkampagnen der letzten Zeit, etwa gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, verfolgen durfte. Neben aller berechtigten Kritik an dessen Verfehlungen und Ungeschicklichkeiten spielten, je länger die Berichterstattung fortschritt, Aspekte aus dem Persönlichen und Privaten eine Rolle, die in einer sachlichen Auseinandersetzung nichts zu suchen haben sollten. Es wurden Bagatellen skandalisiert und überhöht, bis man als Beobachter (und offenbar auch als Journalist) jedes Maß für eine objektive Einschätzung der tatsächlichen Ereignisse verloren hatte. Nur ein Bruchteil der Vorwürfe hat sich inzwischen als tatsächlich justiziabel erwiesen.

Es gelingt den Medien mittlerweile immer rascher und effektiver, jedes noch so beliebige Ereignis zu einem Skandal aufzublasen. Sicher, Boulevardjournalismus und Gossenklatsch hat es schon immer gegeben. Neu allerdings ist, dass sich dieser nicht mehr nur auf die einschlägigen Springer-, Bertelsmann- und Burdamedien beschränkt, sondern auch die vermeintlich seriöse Presse und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erfasst hat. Großartig hat dieses Phänomen Stefan Niggemeier in seiner Genealogie der lächerlichen „Veggie-Day“-Kampagne gegen die Grünen analysiert, tatsächlich als zurückhaltende Empfehlung gemeint, von Bild und nachhechelnd praktisch von allen größeren Presse- und Rundfunkerzeugnissen zum Anti-Fleisch-Diktat hochgebrüllt.

Aber auch bei der Kungelei von Bild-Zeitung und FAZ im Falle der Wulff-Anrufbeantworter-Episode konnte man beobachten, wie gern sich die sonst als so ernsthaft gerierende Presse an die Schmuddelblätter heranwanzt, wenn es denn der Auflagen-(bzw. Klickraten-)steigerung und der Ego-Profilierung dient. Und die Süddeutsche konnte es offenbar nicht ertragen, dass der künstliche Empörungssturm um Peer Steinbrück seit ein paar Wochen mal abgeflaut war – deshalb wählte man aus einer ganzen Galerie durchaus pointierter Fotos des Kandidaten dasjenige mit dem größten Skandal-Potential für die Titelseite. Bezeichnend auch, dass die internationale Irritation sowie das diplomatische Dilemma, in das Frau Merkel das Land einen Tag zuvor gebracht hat, nachdem Sie vom G20-Gipfel abreiste, ohne die gemeinsame Erklärung zu Syrien unterzeichnet zu haben, nicht annähernd die mediale Resonanz gefunden hat wie Steinbrück und sein Fingerzeig. Ist eben als Thema auch nicht ganz so “griffig”.

Anhand der Veggie-Day-Kampagne wird allerdings auch deutlich, wie armselig der Journalismus in Deutschland in vielen Fällen heutzutage offenbar ausgestattet ist – sowohl im Hinblick auf die Manpower als auch auf die Brainpower. Lokalredaktionen werden ausgehöhlt oder gleich komplett eingestellt, die Zahl der Mantelredaktionen wächst ständig. Irgendwann schreiben alle nur noch voneinander (oder von Agenturen) ab, weil Zeit und Kompetenz fehlen, eine Story umfassend und fundiert zu recherchieren und zu schreiben. Da ist es doch viel verlockender, auf den Zug aufzuspringen, der von den Lautsprechern der Branche ins Rollen gebracht wird, um zumindest noch ein paar Krümel vom Umsatzkuchen zusammenzuklauben. Und da wundert es manche Verlage immer noch, dass ihnen die Auflagen einbrechen?

Ähnlich augenfällig ist der Kompetenzschwund, wenn man versucht, wirklich inhaltlich orientierte Berichte und Analysen über die Positionen der Parteien im Wahlkampf zu finden. Oder können Sie wiedergeben, welche konkreten Auswirkungen die Steuerpläne der Parteien auf Ihre persönlichen Einkünfte hätten? Welche Maßnahmen die Grünen für den Umgang mit der Euro-Krise planen? Was genau die CDU – jenseits der Phrasen der Kanzlerin – zu diesem Thema vorhat?

Nun ja, das letzte ist sicher ein schlechtes Beispiel, denn letztlich tun Frau Merkel und ihre Partei alles dafür, um bloß nicht mit konkreten Thesen oder gar Plänen in Erscheinung zu treten, die irgendjemanden verschrecken könnten. Und die Medien spielen dieses Spiel mit – und konzentrieren ihre Berichterstattung auf die vermeintlichen Skandale und Skandälchen, die Peer Steinbrück angeblich laufend produziert. Denn das bringt Aufregung, Aufmerksamkeit und Leser. Wer will sich schon im sechsten Jahr immer noch mit den komplexen und enervierenden Ursachen und Folgen der Krise in Europa beschäftigen? Die meisten Journalisten nicht. Und auch nicht die Leser. Es ist doch viel aufregender, sich über die angebliche Bevormundung durch die Grünen zu echauffieren oder über Peer Steinbrücks Äußerungen zum Kanzlergehalt.

Wenn man es wohlwollend einschätzt, dann liegt es nur an den fehlenden personellen Kapazitäten in den meisten Redaktionen, dass Themen nicht mehr tiefgründig und komplex behandelt werden. Würde man es weniger wohlwollend beurteilen, dann fehlt es dem verbliebenen Personal offenbar auch an den inhaltlichen Kompetenzen für eine solche Auseinandersetzung.

Und nun?

Bei den letzten drei Wahlen habe ich meine Stimme jeweils drei verschiedenen Parteien gegeben. Und auch dieses Mal bin ich noch unentschlossen, wen ich wählen werde. Daher hätte ich mir eine faire, sachliche und objektive Berichterstattung in diesem Wahlkampf gewünscht, um mich letztlich nicht selbst durch die diversen Wahlprogramme graben zu müssen. Ich interessiere mich nicht für Steinbrücks Weinkonsum, Künasts Grünkernbratlinge oder Merkels Streuselkuchenrezept – ich wünsche mir sachliche und informative Analysen und Berichte. Und keine dümmliche Stimmungsmache, die meine Intelligenz beleidigt.

Ich hoffe, dass ich damit immer noch einer Mehrheit angehöre.

September 16, 2013 |  by  |  Collektiv, Controvers
 

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