Lehrer, die bei Facebook weinen

Bunte TafelWas ist?

Über Lehrer gibt es in Deutschland viele Vorurteile („Gutbezahlter Halbtagsjob mit 12 Wochen Urlaub“). Die meisten davon sind, auch nach meiner Überzeugung, unwahr und ignorieren die Herausforderungen, die dieser Beruf, jedenfalls für die engagierten Vertreter dieser Profession, darstellt.´

Die Bandbreite vom komplett vernachlässigten Kind bis hin zum Projektkind gehobener Einkommensschichten, dazu noch manches frühfordernde und -fördernde Elternpaar ist wahrscheinlich selbst für den hartgesottensten Lehrer ein hartes Brot. Die mangelnde Ausstattung vieler Schulen, die verheerende föderale Bildungsstruktur und das damit verbundene Sich-Austoben von Bildungspolitikern tun ihr Übriges.

Warum hier?

Letztens konnte ich bei Facebook (eine Bekannte von mir ist Lehrerin) eine Unterhaltung verfolgen, die mich doch ein wenig ins Grübeln brachte, und das ging ungefähr so (Privates und nicht zum Thema Gehörendes ausgelassen):

Nr. 1: „Elternabend bis um 21:00 Uhr. Die sind doch verrückt.“

Nr. 2: „Puh, ich auch…!”

Nr. 3: „Bei mir heute ging’s auch bis 21:15… Dabei war ich nur als stellvertretende Klassenleitung am Start.“

Nr. 4: „Bei der 8d ging’s bis 22:30 Uhr letztes Jahr!!!!!“

Liebe Lehrerinnen und Lehrer: Ich verstehe Euch ja. Natürlich ist es angenehmer, zuhause auf der Couch zu liegen, als den Abend in einem ungemütlichen Klassenzimmer mit nörgelnden Eltern zu verbringen. Aber Ihr sollt Kinder bzw. Jugendliche auf eine Gesellschaft vorbereiten, die sich in einem bestimmten Koordinatensystem bewegt. In diesem System arbeiten viele, sehr viele Menschen ganze Nächte, in Wechselschicht, in Krankenhäusern, oder draußen, bei Wind und Wetter. Die meisten von ihnen tun das für ein weit geringeres Gehalt als das Eure.

Ich achte Euren Job, wirklich. Aber kommt ein bisschen runter. 2-3 mal im halben Jahr auch mal bis 21:00 Uhr zu arbeiten und sich mit manchmal sicherlich sehr anstrengenden Eltern auseinandersetzen zu müssen mag stressig sein. Aber es gehört zu Eurem Job, und es wird Euch nicht umbringen. Darüber hinaus: Bei Facebook lesen auch Eure Schülerinnen und Schüler mit. Das ist gar nicht vermeidbar. Schon mal darüber nachgedacht, was es denen sagt, wenn die lesen, dass eine Tätigkeit, die ab und zu auch mal einen abendlichen Einsatz verlangt, schon fast jenseits des Erträglichen liegt?

Und nun?

Manchmal wünschte ich mir, dass sich mehr Lehrer mit dem auseinandersetzen würden, was bei uns wirklich schiefläuft. Was Kindern heute abverlangt wird, warum Bildung eigentlich immer schneller und früher stattfinden muss, warum sogenannte Effizienz alles und Phantasie nichts mehr gilt. Dazu hört man betrüblich wenig von Lehrergewerkschaften und ihren Vertretern. Meistens geht es um den eigenen Saft – zu viele Stunden, zu viele Kinder, usw. Verständliche Forderungen, aber ganz ehrlich: Von Pädagogen ist mir das zu wenig.

September 24, 2012 |  by  |  Collektiv
 

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