Moderne Bekenner

Die Welt ist voller OberlehrerWas ist?

Sprache ist ein tolles Werkzeug: Man kann damit Informationen transportieren, Gefühle ausdrücken oder einfach nur seine Kreativität ausprobieren.

Und manche Sätze liefern neben der rein inhaltlichen Aussage gleich noch ein ganzes Weltbild und die moralischen Maßstäbe des Sprechers dazu. Beispiele gefällig?

„Ich esse eigentlich gar kein Fleisch mehr.“
Sie haben die „Meat is murder“-Diskussion verinnerlicht und schwanken noch, ob Sie Ovo-Lacto-Vegetarier, Veganer oder lieber gleich Frutarier werden sollen? Ihr Homöopath hat Ihnen aus gesundheitlichen Gründen empfohlen, den Fleischkonsum stark einzuschränken (würde aber selbst niemals auf seine geliebten Kippen verzichten)? Oder Ihnen schmeckt Fleisch einfach nicht, weswegen Sie lieber auf Fleischersatzprodukte zurückgreifen, die wie Fleisch aussehen und wie Fleisch schmecken (sollen)?
Gratulation, Sie leben vorbildlich gesund und enthaltsam – und werden vermutlich 100 Jahre alt! Aber – um Gerhard Polt zu zitieren, der anlässlich seines 70. Geburtstag sinnierte, dass er sich, ähnlich den Schildkröten, ab jetzt nur noch von Salat ernähren könnte, um dann so alt zu werden wie diese – die Frage sei doch: Wozu?

„Ich schaue ja so gut wie gar nicht mehr fern.“
Sie sind beruflich so eingespannt, dass Sie selbst für die Tagesthemen zu spät nach Hause kommen? Denken Sie mal über Ihre Work-Life-Balance nach. Oder finden Sie, dass das Fernsehprogramm früher einfach besser war und heute „sowieso nur noch Mist“ gesendet wird? Dann vermissen Sie sicher schmerzlich kulturelle Höhepunkte wie „Die Schwarzwaldklinik“ und „Zum blauen Bock“. Verständlich.
Oder verbringen Sie Ihre kostbare Lebenszeit lieber mit anderen „werthaltigen“ Tätigkeiten? Wie dem Besuch der drittklassigen Aufführung der örtlichen Laienspielschar oder dem neuen Roman von Paulo Coelho? Nun ja, dann doch lieber die Aufzeichnung aus der New Yorker Met auf 3sat oder jede beliebige Serie von Alan Ball.

„Wir schenken uns eigentlich nichts mehr zu Weihnachten/zum Geburtstag.“
Sie wollen ein Zeichen setzen gegen den allgemeinen Konsumterror und die Kommerzialisierung christlicher Feste und des Familienlebens? Wie schade. Für Ihre Lieben.

Das gute Leben kann so einfach sein

Das gute Leben kann so einfach sein

„Seit ich nicht mehr rauche, …“
„…weiß ich endlich wieder, wie toll Essen schmecken kann.“
„…habe ich kein einziges Mal eine Rollstreppe oder den Fahrstuhl benutzt.“
„…kann ich acht Mal hintereinander wie ein junger Storch.“ (Rainald Grebe)

Und überlegen Sie nur mal, wie viel Geld Sie dadurch einsparen! So viel, dass Sie mindestens einmal wöchentlich zum Friseur gehen und ihm von Ihren wunderbaren Erfahrungen erzählen können.

„Clara-Luise und Korbinian bekommen nur pädagogisch wertvolles Spielzeug.“
Sie erläutern den pikierten Großeltern gern zum dritten Mal, warum Sie das geschenkte Filly-Pferd und den Skylander Giant gleich am nächsten Tag bei Ebay versteigert haben? Dann ignorieren Sie bitte weiterhin alle Experten für Kindesentwicklung die versichern, dass es völlig wurscht ist, womit Kinder spielen – solange sie überhaupt spielen.

„Wir werden unser Auto wohl demnächst ganz abschaffen.“
Sie leben in einem urbanen Ballungsraum mit ausgezeichneten Bahn-, Bus- und Carsharing-Verbindungen. Sie haben mit Sicherheit keine Kinder, die Sie noch regelmäßig zum Ballett, Fußball, Geigenunterricht oder einfach nur zu Freunden fahren müssen. Den Einkauf für Ihren 1-oder-2-Personen-Haushalt erledigen Sie täglich und nicht nur einmal in der Woche, denn Sie tragen nicht gern schwer und legen ohnehin großen Wert auf „Frische“.
Die gute Nachricht: Ihre Peer-Group (Kleinsthaushalte in Ballungsräumen) wächst, und damit mittelfristig sicher auch die Zahl der Bahnfahrer. Aber mal ehrlich: Wollen Sie all diese ignoranten, aggressiven Autofahrer, die sich sonst auf den Straßen tummeln, morgens in der Bahn antreffen?

„Ohne meine tägliche Dosis Sport fühle ich mich einfach nicht wohl.“
Das ist bitter. Wenn die innere Ausgeglichenheit fehlt, um entspannt dazusitzen, nachzudenken und gemütlich einen Kaffee zu trinken, dann sollten Sie über Ihren Spannungszustand nachdenken. Bei Kindern nennt man es neumodisch Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Business-Geschädigte bezeichnet man als Workaholics.
Kleiner Tipp am Rande: Bei Magdalena Neuner sieht es wirklich elegant aus, wenn sie einen Berg raufjoggt und dabei noch eine Geschichte erzählt – bei den meisten von uns eher nicht.

Warum hier?

Machen Sie was Sie wollen. Wirklich. Aber dieser messianische Impetus nervt. Interessant dabei ist ohnehin, dass sich die Bekenner häufig ein Hintertürchen offen halten („so gut wie“, „werden demnächst“, etc.). Für den Fall, dass sie den eigenen moralischen Maßstäben womöglich doch nicht gerecht werden können.

Und nun?

Ist doch super, wenn Sie mit Ihrem Lebensstil glücklich sind – aber ärgern Sie sich nicht darüber, dass andere mit einem anderen Lebensstil ebenfalls glücklich sind. Das ist schlecht für’s Karma.

Januar 20, 2013 |  by  |  Collektiv
 

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