Stille Helden
Was ist?
Nun bleibt er also zu, der schöne neue Flughafen von Berlin. Für länger, wie man hört. Die prägnanteste Überschrift zu dem Thema hat, wie so oft, die taz gefunden: „Berlin kriegt keinen hoch“. Prägnanter konnte man es kaum ausdrücken.
Dabei war doch alles so schön vorbereitet: Große Einweihung mit Kanzlerin, alle Beteiligten sonnen sich im Erfolg, die Stadtgrößen lassen sich feiern. Was den langen Gesichtern folgte, waren die üblichen Rituale: „Wer ist Schuld?“, „Köpfe müssen rollen!“, „Was kostet es?“, dies sind die Fragen, die Politik und Öffentlichkeit vorrangig und durchaus zu Recht beschäftigen.
Warum hier?
Eines hat allerdings bisher nicht die Beachtung gefunden, die es verdient hat: Die stillen Helden dieser Geschichte. Nämlich die Zehntausende von Menschen, die das alles auslöffeln müssen, die verhindern müssen, dass dieser skandalöse Vorgang in ein endgültiges Desaster mit unabsehbaren Folgen mündet. Diejenigen also, die sich in den letzten Monaten mit nichts anderem befasst haben als mit der Organisation dieses Wechsels. Das Heer von Organisatoren, Fahrern und Helfern, die den Umzug für diesen Termin minutiös vorbereitet hatten und die nun vor einem Scherbenhaufen stehen. Die Leute, die unzählige Fahr- und Flugpläne vorbereitet haben, die nun Makulatur sind. Dienstleister, die sich auf den neuen Standort vorbereitet hatten, die bereits Personal zum Juni eingestellt haben, dem sie jetzt absagen müssen. Händler, die bereits Waren eingekauft haben, die sie jetzt teuer stornieren müssen.
Wie viele Arbeitnehmer haben wohl in den letzten Monaten das Wort Urlaubssperre gehört? Alle die, die auch nur entfernt mit dem Umzug nach Schönefeld zu tun hatten, ganz sicher. Dumm nur, dass jetzt wahrscheinlich auch noch eine Herbst-bis-Frühling-Sperre dazukommt.
Ob diese Menschen ihren Schaden wohl auch ersetzt bekommen? Die, die gar nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, in lange Prozesse zu ziehen, um die Zeit und das Geld ersetzt zu bekommen, das sie durch das vollständige Versagen der Verantwortlichen verloren haben? Das Versagen der Geschäftsführer und Architekten nämlich, die das Zigfache der Betroffenen verdienen und die am Ende nichts werden zahlen müssen, weil sich ihre Schuld – dank der Hilfe sehr teurer Anwälte – rechtlich nicht eindeutig wird nachweisen lassen. Das Muster, das sich dort abzeichnet, kommt einem nach den jüngsten Erfahrungen mit dem Bankensektor unangenehm bekannt vor.
Und nun?
Berlin wird oft gescholten, und oft genug zu Recht. Es stimmt schon, manches in dieser Stadt läuft wirklich unfassbar dilettantisch, die Trägheit mancher Behörden und Politiker kann einen zur Weißglut treiben. Und dennoch, bei aller angebrachten Kritik: Es lohnt sich, und es wäre ein Zeichen von Respekt, in Zukunft etwas genauer hinzusehen, wer genau in Berlin eigentlich „keinen hochkriegt“. Und wer die sind, die den Schlamassel regelmäßig ausbaden müssen und trotzdem dafür sorgen, dass es – nicht nur in Berlin – irgendwie weitergeht.
